Verkostungsnotizen

[Verkostungsnotizen][grids]

WeinReisen

[WeinReisen][grids]

Aktuelle WeinPresse

[WeinPresse] [grids]

Aktuelles WeinFlüstern

[WeinFlüstern][grids]

WeinWissen

[WeinWissen][grids]

WeinFreunde

[Gastbeitrag][grids]

Aus der Welt des Weins

Weingut Dr. H. Thanisch - Erben Müller-Burggraef

Spätlese - Lobgesang oder Abgesang?

Vor einer Blindverkostung von sechs deutschen Weißweinen - darunter drei Spätlesen des Weinguts Dr. H. Thanisch - Erben Müller-Burggraef - stellte ich meinem Bekanntenkreis (keine Weinspezialisten) die Frage, was sie sich unter einer Spätlese vorstellen. Die Antworten fielen sehr differenziert aus. 


Die meisten verbinden mit dem Begriff süße Weine, wie sie alte Leute gern zum Tanztee mochten oder vielleicht noch mögen. Einige empfinden den Begriff als nicht eindeutig genug, da manche Spätlesen süß und andere trocken ausfallen. Die jüngeren Befragten kannten entweder diesen Begriff nicht, oder finden ihn nicht hip genug. 

Weingut Dr. H. Thanisch - Erben Müller-Burggraef

Das traditionsreiche Weingut gehört zu den renommierten Betrieben an der Mosel, mit Parzellen in den weltberühmten Weinbergslagen der Mosel: Berncasteler Doctor, Brauneberger Juffer-Sonnenuhr, Graacher Himmelreich und Wehlener Sonnenuhr. 

Die Inhaberin Barbara Rundquist-Müller und der Betriebsleiter Maximilian Ferger stehen für einen nachhaltigen An- und Ausbau der Weine. Viele ihrer Lagen weisen eine Neigung von 60% und mehr auf. Das erfordert von der Pflege der Rebstöcke bis zur Lese durchgehend. 

Apropos Traubenlese: Bei der Lese wird nicht auf das reine Mostgewicht geachtet, vielmehr bestimmt der physiologische Reifegrad der Trauben den optimalen Lesezeitpunkt. Dieses besonnene Vorgehen bildet die Basis für das Qualitätsstreben des Weinguts: perfekte Balance von Aromen, Säure und Süße. Die drei verkosteten Weine wurden zudem ohne Zugabe von Hefe oder Enzymen spontan vergoren und mehrere Monate auf der Hefe belassen.

Wehlener Sonnenuhr Riesling Spätlese trocken - 2015 

Die 2015er trockene Spätlese war der zweite Wein der Verkostungsrunde und folgte auf einen preiswerten, trockenen 2016er Riesling Steillage von der Mosel. Ich war gespannt, ob ihn jemand als die erste Spätlese "enttarnen" würde.

Die Nase ist nicht überbordend, eher grazil und vielschichtig zugleich. Neben den fruchtigen Aromen von reifen Zitrusfrüchten lassen sich buttrige, florale und vor allem mineralische Noten erschnuppern. 

Direkt beim ersten Schluck, scheint es im Mund zu vibrieren - das gefiel allen auf Anhieb und löste Staunen und Anerkennung aus. Zugleich zeigt er sich schlank und elegant. Konzentrierte, rassige und vielschichtige Noten von Birne, Aprikose, Limette, Grapfruit und Gewürzen können ohne Mühe herausgeschmeckt werden. Eigentlich mag man den Wein gar nicht schlucken, aber irgendwann kommt dieser Moment und der Wein klingt mit einem salzigen sowie mineralischen Nachhall lang aus.

Der Wein wurde von allen einhellig gelobt, als Spätlese hätte ihn jedoch niemand direkt bezeichnet, umso überraschter waren die Tester, als ich die Hülle von der Flasche zog, um ihn allen zu zeigen.

Der Wein wird zwischen 17 und 20 € (je nach Händler) angeboten und ist jeden "Pfennig" wert.

Brauneberger Juffer-Sonnenuhr Riesling Spätlese - 2016

Der Jahrgang 2016 war in Deutschland insgesamt eher schwierig, das gilt auch für die Mosel. Wer sein Handwerk im Weinberg verstand und eine selektive Lese betrieb, konnte jedoch gesundes Traubengut mit einer vergleichsweise geringen Säure ernten. Und genau das, ist dem Weingut Dr. H. Thanisch gelungen.

Um es gleich vorweg zu nehmen, diese fruchtsüße Spätlese mit 8,0 %vol. Alkohol spaltete die Geschmäcker in zwei Lager. Während die einen die deutliche Restsüße in Kombination mit der geringen Säure als fruchtigen Smoothie mit Alkoholanteil bezeichneten, gefiel den anderen genau diese Stilistik, die sie sofort mit einer typischen Spätlese in Verbindung brachten. Beide Seiten waren sich einig, dass es sich bei diesem Riesling um eine Spätlese handeln müsste.

In der Nase dominieren intensive Aromen von Apfel, Pfirsich, Mandarine, Mango und Honigmelone, die teilweise an Dörrobst oder Trockenfrüchte erinnern und alle Verkoster gleichermaßen begeisterten. Am Gaumen fiel die Begeisterung jedoch nicht unisono aus. Mild, cremig, fruchtsüß und verführerisch sagten die einen, Ferrari ohne knackigen Motor äußerten die anderen.

Aber genau diese unterschiedlichen Bewertungen machen für mich den Reiz des Weintrinkens aus. Mir würde viel eher ein Wein Angst machen, den alle Menschen gleichermaßen mögen.

Der Wein wird zwischen 17 und 20 € (je nach Händler) angeboten und ist für süße Leckermäulchen Versuchung und Verführung pur.

Berncasteler Doctor Riesling Spätlese - 2015

Diese süße Spätlese bildete den Abschluss der Verkostungsrunde. Und besser hätte die Runde wahrlich nicht enden kann. Voll auf die Fresse, WOW!, Oh mein süßer Rieslinggott ... Das ist nur ein kleiner Querschnitt der Antworten, die ich zu hören bekam.

Aus dem Glas strömen konzentrierte Aromen von Orangenzeste, reife Äpfel, Aprikosen sowie ein ganzes Bund an Gartenkräutern. Da kann man gar nicht anders, als direkt den Mund zu öffnen, am Glas zu nippen und zu genießen. 

Zu den fruchtigen Aromen gesellen sich rauchige, saftige und salzige Noten. Das Zusammenspiel von Restsüße und feiner, animieriender Säure macht einfach nur Spaß. Der Nachhall ist scheinbar unendlich und ehe wir uns versahen, war die Flasche geleert. Selbst diejenigen, die ansonsten vorgeben nur trocken zu trinken, schenkten sich fleißig nach. 

Der Wein wird zwischen 35 und 40 € (je nach Händler) angeboten und ist ein Süßwein par excellence, der im nationalen wie auch im internationalen Umfeld in der Champions League spielt.

Am Ende des Abends waren sich alle einig, dass Spätlesen nicht zum alten Eisen gehören und eine echte Bereicherung der deutschen Weinlandschaft sind, wenn sie so grandios ausfallen, wie diese drei Moselaner. 





Keine Kommentare: